Buchbesprechung : Der Seewolf von Jack London
Buchbesprechung
Der Seewolf von Jack London
Ein unbedarfter Mann aus San Francisco, der als Überlebender eines Schiffsuntergangs in der Bucht von San Francisco gerettet wird, befindet sich plötzlich inmitten auf einem Robbenjagdsschiff, umgeben von einer Besatzung voller Geächteter, Kriminellen und sonstiger Halunken. Was für ein Abenteuerroman! Genau darum geht es in „Der Seewolf“. Vor fast einer Woche habe ich das 1904 veröffentlichte Buch „Der Seewolf“ des amerikanischen Schriftstellers Jack London beendet und ich möchte nun hiermit die Gelegenheit ergreifen, eine Rezension in Bezug auf dessen Inhalt zu verfassen.
Zu Beginn, lohnt sich ein Blick auf den Lebenslauf des Schriftstellers, da Jack London sich meistens von den Geschehnissen seines eigenen Lebens inspirieren ließ. Geboren am 12. Januar 1876 in San Francisco, war Jack London einer der ersten amerikanischen Schriftsteller, die schon zu Lebzeiten Berühmtheit und Vermögen durch ihre Werke erlangten. Mit 14 Jahren heuerte er 1893 auf einem Robbenjagdschoner für ein Jahr an und arbeitete danach in verschiedenen Jobs, während die Vereinigten Staaten sich im Griff der Wirtschaftskrise von 1893 befanden.
Obwohl er unbedingt an der Universität von California in Berkeley studieren wollte und sogar eine finanzielle Unterstützung vom Besitzer seiner Lieblingskneipe für deren Studiengebühren erhielt, wo er als Junge zum Lesen hinging, konnte er hingegen sein Studium mangels finanzieller Mittel nicht vollenden. Nichtsdestoweniger bemühte er sich stets, sich möglichst viel im Selbststudium weiterzubilden. Er las leidenschaftlich und setzte sich für Sachen wie Tierwohl oder Arbeitnehmerrechte ein. In dieser Hinsicht kann man sagen, dass er ein echter Autodidakt war. Er war sicherlich seiner Zeit ziemlich voraus. Er spiegelte seine Überzeugungen in Details seiner Werke wider. In anderen Worten ließ er stets seine Erfahrungen in seine Werke einfließen, indem er erdichtete Persönlichkeiten erschuf, die auf realen Personen aus seinem Leben basierten. Zum Beispiel entsprach tatsächlich der Hauptbösewicht des Romans Der Seewolf, der Kapitän Wolf Larsen, einem echten Kapitän namens Alexander McLean, den er in seiner obengenannten Lieblingskneipe kennengelernt hatte und von dessen Materialismus und Pragmatismus er beeindruckt war.
Wenn ich seine vollwertige und ausführlich zusammengefasste Biographie herstellen möchte, könnte der Text sich viel mehr verlängern. Ich möchte hingegen diese seinem Leben gewidmete Abteilung mit dem sein Werk Der Seewolf betreffenden Fazit abschließen: Egal was er in seine Werke eingliedert, hat er höchstwahrscheinlich soetwas erfahren.
Der Roman beginnt mit einer Katastrophe, bei der eine Fähre, die zwischen San Francisco und Sausalito, nördlich davon, vor dem Bau der Golden-Gate-Brücke verkehrte, sinkt. Die Hauptfigur des Romans Humphrey Van Weyden wird infolgedessen im eiskalten Wasser der Bucht von einem auslaufenden Robbenjagdschoner gesichtet und schließlich vom Kapitän Wolf Larsen gerettet. Danach weigert der Kapitän sich trotzdem, ihn zurück an die Küste zu bringen, denn ihm fehlt die Arbeitskraft wegen des ungelegenen Ablebens eines Matrosen. Deswegen heuert Humphrey gewissermaßen inoffiziell und stillschweigend auf dem Schoner unter Wolf Larsens Führung an.
Der Stil ist von Anfang an geheimnis- und rätselvoll. Die trübe und unheilvolle Atmosphäre wird durch die ausführlichen Beschreibungen ziemlich greifbar. Die früheren Kapitel stellen zu wenig und selten das Wetter dar, jedoch fühlt das Wetter sich angsteinflößend und bedrohlich an. Humphrey kennt in keinerlei Hinsicht das Gesetz des Dschungels als er von einer wohlhabenden Stadtfamilie stammt. Auf dem Schiff sind seine Seele noch empfindlich, zwar ängstlich, und seine Konstitution zu schlank und dünn für die lästige Mühsal des Lebens auf hoher See. Der Kontrast zwischen Humphreys zivilisiertem und höflichem Charakter und Larsens gnadenlosem und rohem Temperament zieht des Weiteren den Leser mitten in einen philosophischen Zwiespalt. Einerseits spürt man die durch das verzweifelte Elend der Besatzung entstehende Anspannung, andererseits die Hoffnung für den vom Schicksal gebeutelten Protagonisten.
Dessen ungeachtet muss darauf hingewiesen werden, dass der ausgiebige Einsatz eines aufwendigen und verworrenen Seefahrtwortschatzes die Flüssigkeit beim Lesen durch fremdartige und zu technische Begriffe erschwert. Einige Ausdrücke oder Verben, zum Beispiel, fallen unmöglich zu entziffern auf den ersten Blick. Obwohl man sich allmählich daran anpasst, begleitet die Schwierigkeit der Allgegenwart solcher unvertrauten Wörter den Leser entlang des gesamten Werks, es sei denn, dass der Leser von Beruf aus dem betroffenen Seefahrtshintergrund kommt. Die Sprache befindet sich außerdem auf halbem Weg zwischen literarisch und täglich, gut geeignet für jene, die ihr Englisch mithilfe eines Buches aufbessern mögen. Das restliche Vokabular ist also, egal wie alt, ziemlich relevant und erkennbar für heutige Englischsprecher.
Im Laufe der Handlung entfaltet sich immer mehr die Persönlichkeit des Gegenspielers Wolf Larsen. Er erweist sich als ein materialistischer, machiavellistischer und rücksichtsloser Mann ohne jeglichen moralischen Kompass. An einer Stelle behauptet er, ein Mann tue sich nur selbst Unrecht, wenn er für andere etwas Wohltätiges tut, anstatt ausschließlich seine eigenen Interesse zu verfolgen. Nachdem er während eines Glücksspiels Humphreys gestohlenes Geld von einem anderen Matrosen zurückerhielt, weigert er sich, Humphrey das zurückgenommene Geld zu übergeben. Er versteht das Leben als einen Gärungprozess, in dem ein Hefepilz versucht, den anderen zu verschlingen, um selbst zu überleben. Nächstenliebe und Solidarität betrachtet er daher als eine gravierende Schwäche–Ansichten, die ihn stark in die Nähe des Sozialdarwinismus rücken.
Dem Kapitän stellt Jack London seinen Protagonisten namentlich Humphrey van Weyden entgegen, um seinen unbedingten Optimismus gegenüber dem Leben als Lebensphilosophie zu fördern. Zu Beginn nutzt er meisterhaft ihre Begegnung bis zur zweiten Buchhälfte, um den Kampf oder, in einfachen Worten, Gegensatz zwischen Gut und Böse zu inszenieren. Der Schriftsteller behauptet vor allem durch dieses Werk, das Gute besiege immer das Böse am Ende.
Humphrey Van Weyden, überwältigt von der Gewalt um ihn herum, passt sich den grausamen Lebensumständen an, ohne seine Ethik zu verlieren. Er lernt schrittweise den Beruf, versteht die wesentlichen Grundlagen der Seefahrtskunde. Er wird unentbehrlich für Wolf Larsen, obwohl er immer noch den Mann völlig hasst. So eigennützig und daher pöbelhaft oder ungehobelt er auch scheint, ist er in der Tat ein ausgezeichnet belesener Mann, der sich mit ikonischen Klassikern beschäftigt, jedoch legt sie anders gemäß seiner Philosophie aus. Wie dem auch sei, hat Wolf Larsen sicherlich schon lange seinen Bezug zur Menschlichkeit bis zu einem Punkt verloren, an dem er sich nicht um seinen eigenen Bruder Death Larsen kümmert. Während eines zufälligen Treffens versuchen beide, einander umzubringen, aber Wolf Larsen gelingt es, seinem älteren und noch gnadenloseren Bruder zu entkommen und sein Schiff abzuschütteln.
Meines Erachtens bricht diese löbliche Schilderung in der zweiten Hälfte des Buchs zusammen, als der Eintritt eines anderen Charakters in die Szene durch ein anderes Schiffsunglück den Verlauf der Geschichte änderte: Maud Brewster. Maud ist eine Überlebende, die entgegen dem Rest ihrer Besatzung nicht von Larsens Männern hingerichtet, sondern gerettet wurde, weil sie eine Frau ist. Sie ist ebenfalls eine Schriftstellerin ähnlich wie Humphrey van Weyden. Sie kennen einander dem Namen nach und verbinden sich rasch angesichts der Widrigkeiten. Später flüchten sie vom Schiff im Schutz der Entkräftung nach der ausgedehnten Verfolgungsjagd zwischen Wolf und Death Larsen mit einem einem Floß ähnelnden Boot und fangen an, an einer unberührte Küste zu leben, da sie die Route nach Hause nicht kannten. Am Ende einiger Tagen entdeckt das Paar das gestrandete Shiff Larsens an ihrer Küste ohne jemand anderen außer dem Kapitän Larsen, der von einem Hirntumor befallen worden war und gerade nach und nach erblindet. Daraufhin übernehmen sie zwangsweise das Schiff, the Ghost, und fahren nach der Zivilisation zurück während Wolf Larsen, mehr und mehr von seiner Gesundheitsbedingung lahmgelegt und geschwächt, in seinem Sterbebett seinem letzten Atemzug nahe kommt, bevor sein Leichnam im Rahmen einer Seebestattung über Bord geworfen wird. Zum Schluss wird das Paar von der US-Küstenwache gesichtet und küsst sich zum Feiern.
Warum bricht das Buch ab der zweiten Hälfte zusammen? Weil die Rede schwächer wird und der Fokus sich von einer philosophischen Zwiespalt auf ein Liebesabenteuer verschiebt. Von der Erscheinung Maud Brewster an verliert das Buch an Intensität und Glaubwürdigkeit. Die emotionale Verbindung kommt allmählich ins Rampenlicht und vergeudet die angespannte und beklemmte Atmosphäre. Zudem ist die Persönlichkeit Mauds leider nicht so detailliert durchdacht wie Wolf Larsens. Einfach gesagt mangelt es ihrer Persönlichkeit an Tiefe, was mich dazu zwingt, Punkte aus meiner Schätzung abzuziehen.
Trotzdem sind die Gekünsteltkeit Mauds oder die Oberflächlichkeit deren Beziehung zu Humphrey, die das Buch von seinem natürlichen philosophischen Verlauf ablenkt, keinesfalls die größte Schwäche des Buchs. Meiner bescheidenen Meinung nach verfehlt die Wendung der Schilderung hinsichtlich des Hauptbösewichten Wolf Larsen sein philosophisches Ziel. Die ursprüngliche Aussage meinte, das Gute siege jedenfalls über das Böse. Dennoch stellt der Ausgang des Konfliktes keinen schwer verdienten Sieg über das Böse vor, sondern ein Missgeschick(der Hirntumor), das zufällig die Guten begünstigt. Ich bin also nicht der Erste, eine solche Kritik an das Buch zu wenden. Die zeitgenössischen Medien reagierten darauf in gleicher Weise. Die Persönlichkeit Wolf Larsens ist in so ausführlichem Maße anspruchsvoll und raffiniert durchdacht, dass sein autoritäre, unbezwingbare und unbeugsamer Charakter im Endeffekt das Publikum mehr fasziniert, als der gebrechliche und zaghafte Protagonist Humphrey van Weyden.
In anderen Worten untermauert das Ableben des verhärteten und kaltschnäuzigen Kapitäns den Eindruck, dass das Universum (oder die Vorsehung) manchmal die Bösen privilegiert, statt der Guten.
Zum Abschluss kann ich das Buch trotz allem insgesamt positiv bewerten. Der Stil ist meistens gut und einnehmend, auch wenn der Wortschatz das Verständnis mitunter gewissermaßen behindern kann. Die Schilderung ist verlockend und fesselnd trotz des schalen und seichten Wechsel, den das Buch gegen dessen Ende nimmt. Vor allem ist die zuweilen stümperhaft übermittelte Moral dahinter unerlässlich. Ist das Buch ein unausweichlicher und unbedingt lesenswerter Klassiker? Schwer, es so preisend und verherrlichend einzustufen. Es ist dennoch ein gutes Werk, das sich sowieso auf unvergessliche Weise in die Erinnerung einbrennt.
Danke fürs Lesen.
Athel

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